"Jedes Projekt bringt neue Erkenntnisse": Bezirksvorsteherin Christine Dubravac-Widholm
Interview mit Christine Dubravac-Widholm
Was die Brigittenau sonst noch braucht und wie es mit Dauerthemen wie dem Nordwestbahnhof oder der Wallensteinstraße steht, erklärt Bezirksvorsteherin Christine Dubravac-Widholm im Interview.

„Wir brauchen einen Mistplatz – und zwar dringend“

Im Gespräch mit Zwischenbrücken zieht Dubravac Bilanz, spricht über ihre Beweggründe für die Bezirkspolitik – und über die großen Herausforderungen der kommenden Jahre: Wachstum im Nordwestbahnviertel, zunehmende Hitzebelastung in der Stadt und fehlende Infrastruktur wie etwa ein Mistplatz. Und natürlich auch: die geplante Neugestaltung der Wallensteinstraße.

Frau Dubravac, vor kurzem haben Sie Ihre zweite Amtszeit als Bezirksvorsteherin angetreten. Wie blicken Sie auf die erste zurück?

Es waren ja nur eineinhalb Jahre – das ist schon eine sehr kurze Zeit. Da geht es einerseits darum, Projekte fertigzustellen, die vom Vorgänger übernommen wurden, andererseits will man schon seine eigene Handschrift einbringen. Beides gleichzeitig in so kurzer Zeit unterzubringen, ist schon sehr knackig.

Gab es dabei Dinge, die Sie heute anders machen würden?

Im Grunde lernt man bei allem, was man zum ersten Mal macht – und manchmal auch beim zweiten oder dritten Mal. Ich könnte jetzt nichts Konkretes herausgreifen, aber jedes neue Projekt bringt neue Erkenntnisse.

Was hat Sie ursprünglich motiviert, in die Bezirkspolitik zu gehen – und warum gerade in der Brigittenau?

Ich bin Wahlbrigittenauerin – vor rund 15 Jahren ganz bewusst in den 20. Bezirk gezogen. Und ziemlich schnell kam das Bedürfnis, das eigene Umfeld mitzugestalten. Das macht mir Spaß, und das war auch der Grund, warum ich ursprünglich als Bezirksrätin in die Politik gegangen bin. Es ist schön, wenn man dabei auch Erfolge sieht und merkt: Man kann tatsächlich etwas bewegen.

Welche Projekte wollen Sie besonders vorantreiben?

Es ist ehrlich gesagt noch etwas früh für eine definitive Agenda, weil vieles in Abstimmung mit der Stadt, mit Stadträt:innen und den Magistratsabteilungen passiert. Aber klar ist: Wir wollen den Ausbau von Bürgerbeteiligung wesentlich stärker vorantreiben. Außerdem werden größere Projekte wie der Nordwestbahnhof und die Umgestaltung der Wallensteinstraße sicher Schwerpunkte bleiben. Und daneben gibt es natürlich viele kleinere Projekte, die wir weiterentwickeln möchten.

Zum Thema Bürgerbeteiligung – gibt es da schon konkrete Vorhaben?

Ja, wir planen für das nächste Jahr zum Beispiel eine Bürgerbeteiligung zum Thema Parkanlagen, und zwar beim Leipziger Platz. Wie genau das aussehen wird, wird gerade erarbeitet – da kann ich noch nicht ins Detail gehen.

Im Nordwestbahnviertel entstehen bis 2035 über 6.000 Wohnungen. Wie stellen Sie sicher, dass die Infrastruktur mitwächst?

Das ist natürlich eine Herausforderung. Aber es ist nicht so, dass da etwas aus dem Nichts entsteht – es gab immerhin 15 Jahre Vorbereitung. Viele Dienststellen, viele Expert:innen waren und sind da eingebunden. Es wird laufend nachgebessert, weil sich Anforderungen mit der Zeit ändern. Wichtig ist, dass Infrastruktur wie Schulen, Gesundheitsangebote, aber auch Dinge wie Pensionist:innenklubs erhalten bleiben oder neu geschaffen werden. Der Bezirk ist in den entsprechenden Gremien vertreten – wir haben da schon einen Finger drauf.

Und wie sieht es mit Freizeitangeboten aus?

Auch daran wird gearbeitet. Es geht ja nicht nur um Wohnen, sondern auch um Lebensqualität. Es wird zum Beispiel daran gearbeitet, dass es dort auch Angebote der Volkshochschule gibt. Das ist aktuell in Planung, und es gibt auch schon Bauträger, die mit der VHS in Verhandlungen stehen.

Verzögerter Umbau der Wallensteinstraße: "Wir warten auf die Regierungsbildung", sagt die Bezirksvorsteherin.

Wie soll es bei der Wallensteinstraße weitergehen? Die Umgestaltung verzögert sich nun seit Jahren…

Da warten wir aktuell auf die Regierungsbildung. Danach wird es Gespräche mit der zuständigen Stadträtin geben – ich nehme an, es wird wieder eine Stadträtin sein. Wir haben den Dienststellen bereits unsere Auswertungen übermittelt und hoffen, dass es dann zügig weitergeht.

Was wäre denn Ihre Idealvorstellung für die Wallensteinstraße?

Ganz ehrlich: Dafür bräuchte man deutlich mehr Platz. Aber es geht ja nicht darum, was ich mir erträume, sondern um das, was realistisch ist – baulich, technisch und in der Infrastruktur.

Ein weiteres Dauerthema: Seit 2020 fehlt ein Mistplatz in der Brigittenau. Stattdessen soll das Gelände bebaut werden – das sorgt für Kritik. Zurecht?

Ich sehe es genauso: Es ist ein großes Problem, dass wir keinen Mistplatz mehr auf der Insel haben. Der ehemalige Mistplatz war ja im zweiten Bezirk, nicht bei uns. Mein Vorgänger und ich haben sämtliche freien Flächen im Bezirk prüfen lassen – leider war keine davon geeignet. Wir hoffen, dass mit der neuen Stadtregierung eine Lösung gefunden wird. Tatsache ist: Wir brauchen dringend wieder einen Mistplatz.

Gibt es schon Lösungsansätze?

Einige. Aber ich bin die Bezirksvorsteherin des 20. Bezirks. Und ich wünsche mir, dass sich andere Bezirksvorstehungen auch nicht öffentlich zu unserem Bezirk äußern. Welche Variante am sinnvollsten ist, sollten Expert:innen entscheiden.

In der Brigittenau sei keine Fläche als Alternative geeignet, sagt die Bezirksvorsteherin: Der geschlossene Mistplatz Zwischenbrücken.

Ein anderes großes Thema im Sommer: Hitze. Die Brigittenau gilt als Hitzeinsel. Was wird dagegen unternommen?

Bei jeder Straßensanierung versuchen wir, Bäume mitzudenken – für Schatten. Wir bauen auch das Netz der Trinkbrunnen aus. Letztes Jahr haben wir eine zweite „coole Zone“ eingerichtet – diesmal im Amtshaus, wo man auch arbeiten oder lernen kann. Außerdem setzen wir auf Entsiegelung und Begrünung, wo immer möglich.

Kürzlich wurde ein Teil der Treustraße umgestaltet und begrünt. Wird es ähnliche Umgestaltungen geben?

Im Moment nicht – das Bezirksparlament hat sich noch nicht konstituiert. Für so ein Projekt braucht es einen Beschluss, den kann ich nicht vorwegnehmen.

Manche Medien würden ein schlechtes Bild vom Bezirk zeichnen, sagt Christine Dubravac-Widholm im Gespräch mit Naz Küçüktekin.

Viele sprechen auch über das Geschäftesterben – etwa in der Wallensteinstraße. Was tut der Bezirk hier?

Leider ist das keine Bezirkskompetenz – das sind privatrechtliche Mietverhältnisse. Aber es gibt Initiativen wie „20 um 2“ von der MA25 und der Wirtschaftsagentur, die Geschäftslokale fördern. Einige Lokale konnten so neu belebt werden und funktionieren wirklich gut. Das freut mich sehr.

Und wie steht es mit dem Thema Sicherheit? Im Wahlkampf war das oft Thema.

Die Brigittenau ist nicht unsicherer als andere Bezirke. Es sind vor allem Parteien, die auf Bundesebene für Sicherheit zuständig wären, die das im Wahlkampf thematisiert haben. Ja, wir brauchen mehr Polizei – aber das ist leider nicht unsere Entscheidung. Die Zusammenarbeit mit der Polizei im Bezirk ist sehr gut, und wir unterstützen auch Infoveranstaltungen für Bewerber:innen.

Die Außenwahrnehmung des Bezirks ist oft negativ. Stört Sie das?

Ja, sehr. Gerade im Wahlkampf bekomme ich oft zu hören, wie gern die Leute hier leben. Das ist schön. Umso mehr ärgert es mich, wenn manche Medien ein schlechtes Bild zeichnen. Für mich ist die Brigittenau der schönste Bezirk Wiens – aber okay, da bin ich vielleicht ein bisschen voreingenommen.

Christine Dubravac-Widholm. Zur Person:

Die 1978 in Wien geborene SPÖ-Politikerin ist seit Juli 2023 Bezirksvorsteherin der Brigittenau – als erste Frau an der Spitze des 20. Bezirks. Sie wuchs in einem Gemeindebau in Floridsdorf auf, engagierte sie sich früh in der Aktion kritischer Schüler:innen (AKS) und der Sozialistischen Jugend (SJ). Nach Ausbildungen in Public Relations sowie Event- und Messemanagement arbeitete sie unter anderem als selbstständige Eventmanagerin.

Ihre politische Laufbahn begann 2010 als Bezirksrätin in der Brigittenau, wo sie ab 2012 den Vorsitz der Verkehrskommission übernahm. Von 2018 bis 2023 war sie Bezirksvorsteher-Stellvertreterin, bevor sie 2023 zur Bezirksvorsteherin gewählt wurde.

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