Seit zehn Jahren ein Team im Geschäft: Elena Dovgopol und Armen Yaralyan. Foto: Christopher Mavrič
„Wir sind eine komplizierte Mischung”
Elena Dovgopol (51) kümmert sich mit ihrem Mann Armen Yaralyan (52) im „Schuh- und Schlüsselservice“ auf der Taborstraße um die verschiedensten Bedürfnisse und Notlagen.

Ich habe fünf Gewerbescheine. Instandhaltung von Schuhen. Schlüsselservice. Aufsperrdienst. Geldtransfer. Und Handel mit Waren aller Art. Und dazu habe ich Armen, meinen Mann, der seit zehn Jahren mit mir im Geschäft ist.

Armen spricht

Elena hat mir das meiste hier beigebracht, weil ich ja eigentlich aus einer ganz anderen Branche komme. Russische Lebensmittel, das war viele Jahre lang meine Sache. Ich habe schräg vis-a-vis, auf Taborstraße 62, das „Ugolok“ betrieben und dort Kaviar, Wodka und Pelmeni verkauft. Irgendwann sind zwei Herzinfarkte dazwischengekommen. Da musste ich mein Geschäft verkaufen.

Jetzt bin ich zusammen mit Elena im „Schuh- und Schlüsselservice“ auf Taborstraße 63. Ich mache die komplizierteren Schlüssel, kümmere mich um die eigentlichen Schlosserarbeiten und vor allem um den Aufsperrdienst.

Elena spricht

Man glaubt ja gar nicht, wie leicht man sich aus der eigenen Wohnung aussperrt. Eine Freundin war frisch übersiedelt, in eine Wohnung neben unserer. In der Nacht ist sie aufgewacht, wollte ins Bad. Sie hat kein Licht gemacht, um die kleine Tochter nicht zu wecken. Versehentlich hat sie die Wohnungstür erwischt und hinter sich ins Schloss gezogen. Das war im Dezember. Im Pyjama hat sie bei uns geläutet. Armen konnte sie retten. Das Kind hat zum Glück nichts davon mitbekommen.

Schlüsseldienst
Von der Schuhsohle bis zum Fahrradschloss gibt es hier alles: Das Geschäft in der Taborstraße 63. Foto: Christopher Mavrič

Wir sind ein gutes Team. Und eine komplizierte Mischung. Armen ist in Usbekistan zur Welt gekommen und aufgewachsen. Er ist aber Armenier und seit 2002 in Österreich. Ich bin schon im August 1989 aus Russland nach Österreich gekommen, mit meiner russischen Mutter, die mit einem Österreicher verheiratet war.

Aber das ist nicht alles. Wir waren beide vorher schon verheiratet. Beide haben wir zwei erwachsene Kinder. Armens Töchter sind jeweils zur Hälfte armenischer und tatarischer Abstammung. Meine Söhne sind Halb-Russen und Halb-Juden. Wir verstehen uns gut. Dementsprechend ist viel los bei uns. Wir telefonieren oft. Und essen gern miteinander. Heute haben wir schon drei von unseren vier Kindern gesehen. Im Juli gibt’s die nächste Hochzeit. Und vermutlich wird sich der jüngste Sohn auch bald einmal verloben wollen.

Abgesehen davon haben wir hier im Geschäft richtig gut zu tun. Sechs Tage die Woche sind wir da. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Auch weil wir so vielseitig sind. Nur die Schuhe oder nur die Schlüssel – das wäre heutzutage kein Geschäft mehr. Die Mischung macht’s.

Armen spricht

Wir haben das Lokal vor zehn Jahren im Eigentum übernommen. Bis heute zahlen wir noch Monat für Monat den Kredit zurück. Das war zwar nicht der Plan, aber anders war das Objekt nicht zu haben. Und es passt gut für uns. 45 Quadratmeter und dazu ein großer, trockener Keller.

Wir profitieren davon, dass Elena schon lange im Business ist. Vor 28 Jahren hat sie angefangen. Nach und nach hat sie über die Stadt verstreut ein Geschäft nach dem anderen aufgemacht. Im 9., im 12. und im 21. Bezirk. Dann noch eins beim Gasometer und eines in Floridsdorf. Immer Schuh- und Schlüsselservice. Dazu ein paar Extras. Aber irgendwann war der Druck zu groß. Elena ist krank geworden, Asthma. Seither gibt’s keine Mitarbeiter und keine Filialen mehr. Aber bis heute kommen Kunden zu uns, die sie früher einmal irgendwo anders kennengelernt hat. Echte Stammkunden eben.

Elena spricht

Vor kurzem ist eine Frau zur Tür reingekommen, die inzwischen in Mallorca lebt. Ich war überrascht, sie wieder zu sehen. Die hat eine Gucci-Tasche voll mit wirklich teuren Schuhen zur Reparatur gebracht. Die haben sicher viele tausend Euro gekostet. Unglaublich. Aber das macht mir dann auch wirklich Freude.

Als Frau habe ich ja einen besonderen Blick für solche Schuhe, ich weiß, wie fein man da arbeiten muss. Und das schätzt die Kundin und kommt deshalb immer zu mir. Andererseits müssen wir auch zur Kenntnis nehmen, dass viele Leute inzwischen Billigschuhe aus chinesischen Fabriken tragen, ein Klumpert. Da kannst Du nichts mehr reparieren. Und vor allem auch nichts dafür verlangen.

Dass wir uns in so vielen Sprachen mit den Leuten verständigen können, ist ein Vorteil. Der Bezirk ist ja so wie auch die Brigittenau, wo wir wohnen, sehr international geprägt. Ich kann mich außer auf Russisch, Französisch und Deutsch auch auf Serbokroatisch unterhalten. Das habe ich als junge Frau in Wien als Kellnerin in den diversen Jugo-Kaffeehäusern gelernt. Armen kann neben Armenisch und Russisch auch noch genug Türkisch und Englisch, dass er mit der Kundschaft zurechtkommt.

Anlauf zur letzten Prüfung

Armen muss jetzt noch die Schlosserprüfung fertig machen. Die hat er zwar schon einmal gemacht, in Deutschland. Aber das zählt hier nicht. Im Dezember hat er einen Anlauf genommen. Die Technik hat er geschafft. In der schriftlichen Prüfung haben ihm dann vier Punkte gefehlt. Beim nächsten Mal wird’s klappen.

Das ist nicht nur für ihn wichtig, für sein Selbstbewusstsein. Sondern auch für mich: Noch bin ich ja für alles letztverantwortlich und muss ihn öfter begleiten. Wenn er das Zeugnis hat, kann er alles alleine machen.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)

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