Begann erst mit 50 die psychotherapeutische Ausbildung: Anita Iberer in ihrer Praxis. Foto: Christopher Mavrič
„Bei uns geht es quer durch um Alles“
Die Psychotherapeutin Anita Iberer, 61, arbeitet in ihrer Praxis beim Gaußplatz und stärkt sich zwischendurch mit georgischem Liedgut. 

Ein Traum wird wahr

Eines Nachts habe ich geträumt, dass ich Psychotherapeutin bin. Beim Frühstück habe ich meinem Mann diesen Traum erzählt. Roberts Reaktion: Dann mach das doch endlich. Ich war damals immerhin schon 50 Jahre alt. Heute frage ich mich manchmal, wie ich das alles geschafft habe. Diese langwierige Ausbildung, die Sommermonate mit unbezahlten Praktika zupflastern, dabei auch noch ein Familienleben aufrechterhalten. Aber es hat sich gelohnt. Seit sechs Jahren bin ich als personenzentrierte Psychotherapeutin in eigener Praxis in der Oberen Donaustraße tätig. Ich sehe meine Klient*innen als Expert*innen ihres Lebens und mich als ihre Begleiterin dabei.

Da gibt es viele schöne Momente. Zu sehen, wie sich Menschen entwickeln. Wie sie Probleme lösen. Wie sie Herausforderungen angehen. Ich darf Menschen beim Wachsen zuschauen. Im Rückblick sehe ich jetzt auch meinen eigenen Weg klarer: Ich habe viel ausprobiert, manches verworfen, mich aber doch immer wieder auf ein, auf mein Thema konzentriert: Was macht unser Menschsein aus, was bedeutet Zufriedenheit?

ADHS ist besonders häufig

Aber als Therapeutin habe ich auch viel Belastendes um mich, habe mit Menschen zu tun, die sehr einsam sind. Mit Menschen, in deren Leben sich über längere Zeit hinweg gar nichts bewegt. Oder mit Menschen, die schwierige Trennungsphasen durchleben. Angst und Depressionen sind in unterschiedlichsten Ausprägungen eigentlich die Hauptthemen. Viele Junge, Menschen im Alter meiner eigenen Kinder, haben damit zu tun. Und dazu noch ADHS. Das ist so häufig und so divers, dass es allein schon wegen des ständigen Fortbildungsbedarfs herausfordernd ist.

Mit anderen Worten: Ich brauche viel Ausgleich. Meine Pausen verbringe ich gerne bei Spaziergängen im Augarten oder beim Mittagessen in der Bäckerei Prindl am Gaußplatz. Die Hauptsache ist aber das Singen. Robert und ich singen viel. Er ist Berufsmusiker. Und ich singe schon seit meiner Kindheit in Chören. Als Mädchen, zuhause in Seitenstetten, war ich im Kirchenchor. Im Vox Slavena Chor singen wir seit ein paar Jahren mit Nataša Mirković Lieder aus Südosteuropa. Im Ensemble Gin&Tonics singen wir mit Paula Barembuem alles von Renaissance bis Jazz. Ganz besonders am Herzen liegt uns aber die georgische Musik.

Musik als Erbe der Menschheit

Georgien ist für seine polyphone Musik, für den dreistimmigen Gesang weltberühmt. Seit 2001 steht der georgische Gesang in der UNESCO-Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“. Wir sind bei einer Reise 2014 darauf gestoßen. Mit Freunden haben wir eine singende Familie im kleinen Kaukasus besucht. Bergbauern, die noch nie mit Touristen zu tun hatten. Sie haben uns ihre Schlafzimmer angeboten und sich selbst ins Wohnzimmer gelegt. Und sie haben für uns gesungen. Die Söhne und ihr Vater haben Lieder gesungen, die sie vom Großvater gelernt hatten.

Das ist alles sehr archaisch, sehr kraftvoll, sehr belebend und an den Harmonien gemessen sehr schräg. Im Hohen Kaukasus sind wir bei weiteren Reisen später auch auf vorchristliche Musiktraditionen gestoßen. Wir haben mit dem Handy Aufnahmen gemacht und dann begonnen, die Texte in Lautschrift aufzuschreiben. Das Georgische ist eine sehr schwierige Sprache, offenbar mit keiner anderen verwandt. Wir haben es nicht gelernt. Aber unsere Freunde dort behaupten, dass wir eine wunderbare Aussprache hätten.

Georgische Festung mit Blick auf den Kaukasus: „Das ist alles sehr archaisch, sehr kraftvoll". Foto: Bernhard Odehnal

Die Gastfreundschaft der Menschen dort ist ein Thema für sich, unpackbar. Man ist immer in Gemeinschaft. Sie bereiten uns jeden Abend eine Festtafel, die sogenannte Supra. Stundenlang kommen dabei immer wieder irgendwelche wunderbaren Speisen auf den Tisch. Ständig wird gegessen, getoastet und getrunken. Der Tischführer, Tamada genannt, ist für die Toasts zuständig, für die Trinksprüche. Damit hält er die Gemeinschaft zusammen. Man süffelt nicht einfach vor sich hin, sondern trinkt auf das Leben, auf die Ahnen, auf die Musik. Man führt dabei auch keine Zweiergespräche, sondern ist immer gemeinsam eingebunden. Und trinkt dabei Unmengen an Schnaps. Gerne auch schon zum Frühstück.

Lieder für jeden Anlass

Längst singen Robert und ich in Wien mit unserer Freundin Karin das georgische Repertoire in unserem eigenen Trio Megobrebi, regelmäßig und bei Gelegenheit auch öffentlich. Es gibt ja zu jedem Anlass und zu jedem Thema georgische Lieder. Sowohl sakrales als auch Volksliedgut. Entsprechend vielfältig ist das Programm des Trios. Bei uns geht es quer durch um Alles. Um die Liebe und die Arbeit. Um Freundschaft und um die Ernte. Um Tod und Trauer. Um Heilung und Glück.

Georgier fühlen sich geehrt, dass wir ihre Lieder singen. Wir waren in Wien sogar schon eingeladen, an deren Unabhängigkeitstag am Platz der Menschenrechte ihre Lieder zu singen. Auch heuer im Sommer werden wir wieder nach Georgien fahren, um Menschen zu besuchen, um mit ihnen zu singen. 

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer 
(www.ernstschmiederer.com

Link: https://www.psychotherapie-iberer.at

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