Leistbarer Luxus
Von der Kraft der guten Dinge

Hermann Sussitz, 41, geht seinem Geschäft als Genussbotschafter hinter dem Karmelitermarkt und allzeit mobil auch auf dem Fahrrad nach.

Hermann Sussitz in seinem Geschäft beim Karmelitermarkt
Aus der Calamansi, einer südostasiatischen Zitrusfrucht, macht Hermann Sussitz Likör und Sirup. Foto: Christopher Mavrič

Klagenfurt und Karmelitermarkt

Aus dem Adeg-Geschäft von damals ist inzwischen längst auch eine Genusswarenhandlung geworden. Vor einem Jahr habe ich die von meinen Eltern übernommen und führe sie heute gemeinsam mit unserem Wiener Geschäft beim Karmelitermarkt, das ich vor genau zehn Jahren aufgesperrt habe.

Kletzennudeln habe ich selbst schon lange nicht mehr gemacht. Die Ernährungsgewohnheiten meiner Familie – meine Lebensgefährtin Tanja und ich habe eine dreijährige Tochter, Rosa – sind eher von den Ottolenghi-Rezepten geprägt: gutes Olivenöl, Gemüse, Schaffrischkäse, Kreuzkümmel, Zaatar. Seit 2019 pflege ich meinen eigenen Weizen-Sauerteig, aus dem ich jede Woche unsere Brote backe. Und zwar mit Mehlen vom Waldstaudenroggen, Buchweizen und der Emmer Hausmischung. Genuss hat sich über die Jahre zum zentralen Thema meines Lebens entwickelt. Dafür lege ich gerne auch weite Wege zurück. Und zwar immer mit dem Fahrrad und den Öffis.

Radtouren ins Weinviertel

Als Jugendlicher bin ich Radrennen gefahren. Heute fahre ich sechsmal im Jahr mit dem Rennrad nach Neudorf bei Staatz, also ins nördliche Weinviertel, um am Biofhof Schmidt Mehle und Belugalinsen einzukaufen. Mein Rad und den dann 20-Kilo schweren Rucksack transportiere ich mit der Bahn zurück nach Wien. Solche Fahrten gründen auf zwei Grundsätzen. Zum einen bin ich überzeugter Radler und Öffi-Verfechter. Zum anderen beziehen wir unsere Waren nahezu ausschließlich von Produzenten, die wir persönlich kennen.

Wenn man solche Manufakturen immer wieder selbst besucht, lernt man auch die Produktqualität genauer kennen und kann dadurch noch ein Stück besser als einfach nur gut einkaufen. Man schaut, man spürt, man kriegt ein Gefühl für das Produkt und kann anschließend auch den eigenen Kunden etwas darüber erzählen.

Kulinarische Expeditionen

Über die Jahre ist unser Netzwerk so auf etwa 200 Lieferanten angewachsen. Unseren Reis zum Beispiel kaufe ich im Piemont, in der Tenuta Colombara der Familie Rondolino. Größere Radreisen – also zu den Rondolinos oder für die Trüffelsauce nach Istrien – sind natürlich immer auch gleich Teil meiner Urlaubsplanung. Da fahre ich mit meinen Cousins von Region zu Region, von einem Produzenten zum nächsten, von Kaltern zum Beispiel über das Trentino bis zur Schweizer Grenze. Unterwegs wird gekostet und eingekauft. Die Lieferung kommt dann später per LKW zu uns ins Geschäft.

Kurze Zeit arbeitete Sussitz auch als Journalist. Dann stieg er doch bei den Eltern ins Geschäft ein. Foto: Christopher Mavrič

Fokussiert sind wir seit unseren Anfängen schon auf Österreich und Italien. An den Rändern ergänzen wir nach und nach, was uns fehlt oder was uns auffällt. Mein Team und ich haben inzwischen fermentierte Produkte ins Angebot genommen, etwa Kimchi aus Ottakring. Wir importieren Calamansis aus Südostasien, Zitrusfrüchte, die nach Limette, Mandarine und ein bissl Grapefruit schmecken. Die kochen wir ein und vermischen sie mit österreichischem Honig zu einem Sirup, der sich wunderbar in alle möglichen erfrischenden alkoholischen und antialkoholischen Getränke fügt.

Sizilianische Salzzitronen

Leidenschaftlich bin ich auch was unsere Salzzitronen betrifft: Wir kaufen das Jahr über beim Biokistl Sizilien, was es dort an geeigneten Früchten gibt, und produzieren mit einem außergewöhnlichen Meersalz 200 Gläser mit Salzzitronen. Guter Reis, gutes Olivenöl, schönes Blattgemüse und ein Stück von der Zitrone – ein Traum.

Neben dem BWL-Studium an der WU Wien habe ich ein Jahr Kultur- und Sozialanthropologie angehängt und dann ein paar Jahre als Journalist gearbeitet. Aber mit 28 habe ich gespürt, dass zwei Herzen in meiner Brust schlagen: ich beschreibe gerne, aber ich mache auch gerne etwas. Vielleicht gibt es so etwas wie ein Unternehmer-Gen? Jedenfalls habe ich mich damals entschieden, bei meinen Eltern in Kärnten ins Geschäft einzusteigen.

Erfreuliche Nachbarschaft

Während ich mich dort verstärkt auch um ein modernes Marketing und das Aufspüren neuer Trends gekümmert habe, bin ich schon in Wien auf Lokalsuche gegangen. Dass ich nach zwei Jahren dann in der Leopoldstadt fündig geworden bin, war eher Zufall. Da hat einfach alles gepasst. Wir konnten uns auf 300 Quadratmetern gut einrichten, haben ein sympathisches Einzugsgebiet und mit dem Karmelitermarkt eine ausgesprochen erfreuliche Nachbarschaft.

Mit meiner Familie bin ich allerdings noch in Ottakring zuhause – aus einem einfachen Grund: Tanja hat dort 40 Quadratmeter Freifläche für einen Garten. Wenn wir hier im Zweiten etwas Vergleichbares finden würden, wäre eine Übersiedlung naheliegend. Bis dahin bleibt meine Routine: mit dem Rad von da nach dort, jeden Tag, bei jedem Wetter. Auch die Zustellfahrten erledige ich mit dem Rad. Da spüre ich nicht nur den Fahrtwind und die frische Luft, sondern im Grunde auch die Freiheit, mein Unternehmertum zu gestalten.

Mit unserem Grafiker haben wir nach zehn Jahren jetzt auch einen neuen Claim für unser Tun hier entwickelt: Sussitz, kluger Luxus. Das spielt darauf an, dass wir hier mit sehr werthaltigen, wertvollen, eben handwerklich hergestellten Dingen handeln. Und dass wir dabei klug, also umweltbewusst handeln, auf kurze Transportwege ebenso Wert legen wie auf die persönliche Beziehung zu unseren Partnern und Kundinnen.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)

https://www.sussitz.eu

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert