Als Kind zur Volksmusik
Mein Vater war aus dem Irak, aus Bagdad. Von ihm habe ich einen zweiten Vornamen, Khalid. Aber sonst nicht viel. Meine Mutter hatte das Gasthaus Sklar auf der Großen Stadtgutgasse, gleich neben dem Café Meran, bei der Rueppgasse. Weil sie dort rund um die Uhr gearbeitet hat, habe ich viel Zeit beim Großvater verbracht. Der war Volksmusikant, hat wirklich schön gesungen und war mein erster Mentor.
Was ich bei ihm gehört hab, habe ich nachgesungen und auf dem Klavier Ton um Ton nachgespielt. Mit sechs habe ich dann am Prayner Konservatorium den ersten Geigenunterricht bekommen.
Neue Geige statt alter Stradivari
Seither lässt mich das Instrument nicht los. Ich habe eine umfassende und intensive Klassikausbildung genossen, bin also auch am Klavier ganz gut. Aber mit der Geige mache ich meine Themen, die Geige ist mein Instrument.
Zur Matura habe ich meine erste neue Geige bekommen, ein in Deutschland gebautes Instrument. Damals wollten alle unbedingt auf einer alten, einer historischen Geige spielen, einer Stradivari am liebsten. Ein neues Instrument – das war damals eindeutig uncool. Inzwischen hat sich das Meinungsklima gedreht. Und der Geigenbau hat eine echte Renaissance erlebt. In Frankreich, in Deutschland und auch in Wien werden Weltklasse-Instrumente gebaut. Ob alt oder neu, das ist heute keine relevante Frage mehr.
Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens
1993 habe ich mir dann in Amerika von David Burgess ein Instrument bauen lassen. Burgess ist ein großer Name. Er sitzt in Ann Arbor, Michigan und ist weltberühmt für seine Geigen, Bratschen und Celli. Mit meiner Burgess bin ich bis heute glücklich in aller Welt unterwegs. Jetzt bin ich bis Ende April auf Tournee in Brasilien. Als Abschluss und zum Dank für mein Zusammenarbeiten mit der brasilianischen Musikszene bekomme ich dort vom österreichischen Botschafter noch das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik verliehen.
Brasilien - New York - Wien
Dann geht’s zurück nach Wien. Ein bissl ausspannen und irgendwo in meinem geliebten Griechenland zwei, drei Wochen auf einem Strand batzen. Im Sommer werde ich dann wieder jeden Tag eine Stunde in der Alten Donau schwimmen. Und meine Musik und mein Violinspiel weiterentwickeln.
Wenn mir was einfällt, komponiere ich es auch gleich am Klavier. Ich brauche ja immer neues Material. Gerade ist mein achtes Album als Bandleader erschienen, New Doors. Das sind zum einen meine Eigenkompositionen. Zum anderen beschreibt es aber in einem großen Bogen meinen Lebensweg: Von Wien über New York nach Brasilien.
Erste Komposition mit 14
1968 habe ich in der Wiener Stadthalle den Ray Charles gehört. Ich hab geplärrt. Seine Musik hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Und eine neue Welt eröffnet. Er ist bis heute mein all-time-heroe. Seither gibt’s kein Aufhalten mehr. Ich habe bald Blues und Pop für mich entdeckt. Dann Jazzrock und Soul.
Mit 14 habe ich meine ersten Lieder komponiert. Mit 15 hat mich der Al Cook, The Lonliest Man in Town, bei einem Festival gefragt, ob ich auf seiner Platte mitspielen will. Mit dem Harri Stoika hab ich gespielt, mit dem Karl Ratzer. Und in den 1970ern dann für drei Jahre lang fix mit dem Vienna Art Orchester. Irgendwann hat sich eine jam session mit Al Jarreau ergeben. In einem Keller in Wien. Und der hat gemeint, ich soll nach Amerika gehen. Mit 30 habe ich das schließlich gemacht.
Zuhause in Harlem und Queens
14 Jahre lang war ich in New York City. Ich hab in Chelsea, in Harlem, in Queens, in Brooklyn gewohnt. Bei Freunden zuerst. Bescheiden. Mit wenig Geld. Acht Monate lang habe ich auf der Straße gespielt. Und eines Tages bin ich über eine Empfehlung mit meinem ersten Quartett für ein „Live Special“ beim legendären Jazz-Sender WKCR gelandet. Das war’s, fast von einem Tag auf den anderen war ich bekannt.
Ich habe Leute getroffen, bin weiter empfohlen worden und über die Musik von Astor Piazolla und den brasilianischen Gitarristen Toninho Horta schließlich nach Brasilien gekommen. Bis 2020 habe ich dort gelebt, mit meiner „Three World Band“ musiziert und als Gast-Solist Tourneen in Europa, Japan, Südamerika und den USA absolviert.
Rückkehr in die Leopoldstadt
Seit ein paar Jahren hat mich die Leopoldstadt wieder. Ich wohne wieder in der Großen Stadtgutgasse. Seit längerem schon bin ich dabei, mir die Wohnung genau nach meinen Vorstellungen einzurichten. Da passt mir der Kasten nicht, dort ist der Teppich zu klein. Aber schön langsam wird’s. Ich schau drauf, dass ich im Kopf fit bleibe. Und fürs Kreuz geh ich zweimal die Woche zum Kieser und regelmäßig zum Powerwalken auf die Hauptallee. Das brauche ich als Ausgleich. Das Geigenspielen ist ja nicht unbedingt körperfreundlich.
New York fehlt mir ehrlich gesagt bis heute. Die Leute vor allem. Der Umgang miteinander. Die Menschen in Wien sind vergleichsweise ein bissl grob. Über die Amis gibt’s ja das Vorurteil, dass sie so oberflächlich seien, dass ihre Freundlichkeit nicht echt ist. Aber das habe ich nie so erlebt. Im Gegenteil. Mir haben Superstars locker auf die Schultern geklopft. Immer freundlich, alles entspannt, immer neugierig, immer interessiert.
He has an attitude, sagt man in Amerika, wenn einer überheblich, respektlos ist. Mir scheint, das passt aber eher zu Wien. Nicht zu Unrecht hat die Stadt ja den Ruf, die unfreundlichste der Welt zu sein. Aber zum Glück kenn ich eh nur die Ausnahmen. Aber was ich mir wünsche für Wien: mehr Empathie. Die Menschen sollten mit mehr Empathie aufeinander zugehen. Sie sollten sich nicht von oben auseinander dividieren lassen und stattdessen das Anderssein als Bereicherung, als interessant empfinden.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
