„Unbefugten ist der Zutritt verboten” steht auf dem weißen Eingangstor der Rennbahn Freudenau. Durch den Zaun kann man am Ende der Allee die Tribüne mit der Kaiserloge im Schönbrunner Gelb auszumachen; weite Wiesen, hohe Bäume und historische Stallungen befinden sich auf dem Gebiet.
Mit Stecktuch und Hut
„Das hier ist privat”, stellt Karl Friedrich Habel, der die Pferderennbahn im Baurecht übernommen hat, gleich zu Beginn unseres Gesprächs klar. Fast ein halbes Jahr bin ich diesem Termin mit dem 85-jährigen nachgelaufen.
Mit Hut, Stecktuch, Manschettenknöpfen und grünem Tweed-Dreiteiler wirkt Habel ein wenig aus der Zeit gefallen. Seit 64 Jahren reite er, seit über 30 Jahren kümmere er sich um die Freudenau, betont er: „Wir haben uns bemüht, aus dem Areal im desolaten Zustand hier etwas zu machen.” Doch die Wahrheit ist auch: Seit Jahren vegetiert die Anlage in Bestlage unbemerkt von der Öffentlichkeit vor sich hin.
Events und Spekulation
Das Bundesdenkmalamt hat in seinem Bescheid festgestellt: Hier befindet sich „eine der schönsten und atmosphäre-reichsten Pferdesportanlagen Europas”. Doch der Pferderennsport ist in Österreich Geschichte, die Öffentlichkeit ist ausgesperrt, obwohl die Immobilie der Republik gehört.
Die historische Anlage im grünen Prater wird heute als Privatreitanlage genutzt und als Eventlocation vermietet. Und eine weitere private Firma wartet nur darauf, dass sie auf dem Gelände zwischen Lusthaus, Tangente und Donaukanal Immobilien entwickeln kann. Ein Schatz der Republik verkommt so zum Spekulationsobjekt.

Um zu verstehen, wie es dazu kam, müssen wir einen Ausflug in die Geschichte unternehmen: Zur Blütezeit der Monarchie kamen bis zu 40.000 Besucher und Besucherinnen aus allen Schichten auf die 1839 eröffnete Galopprennbahn im Prater. Die Straßenbahn fuhr als „Dschungel-Express” (darüber haben wir hier geschrieben) bis vor die Tribüne, für die Rennpferde gab es am Donaukanal eine eigene Schiffsanlegestelle.
Bergab gehe es laut Julia Habel, der Tochter des 85-jährigen IRM-Geschäftsführer, schon seit dem Ende der Monarchie und dem „Verlust der Kronländer”. Damals seien laut Habel die Familien weggefallen, die sich Pferderennen leisten konnten. Der zweite Todesstoß sei dann in den 70er Jahren gekommen, als die Wettlizenz an die Österreichischen Lotterien vergeben wurde.
Todesstoß durch Stronach
Dass der Milliardär Frank Stronach südlich von Wien in Ebreichsdorf seine eigene Pferderennbahn eröffnete, bedeutete den 3.Todesstoß. Inzwischen ist auch die Galopprennbahn in Ebreichsdorf Geschichte. In Österreich gibt es nur noch einen einzigen Trainer und weniger als 20 Rösser. “Der Pferderennsport ist so ein Nischenbereich, in dem es nahezu unmöglich ist, Sponsoren zu finden”, sagt Habel junior.

1996 war der Galopprennsport zwar noch nicht ganz tot. Aber es ging ihm schon ziemlich schlecht. Damals erhielt die Interrace Rennbahn Management (IRM) von Karl Friedrich Habel vom Wirtschaftsministerium für die 92 Hektar große Anlage in der Freudenau ein auf hundert Jahre angelegtes Baurecht. Der jährliche, inflationsangepasste Zins dafür: 132.000 €.
Streit und Skandale
Schon damals war das Geschäft schwer umstritten und von Streit, Skandalen und Protesten begleitet. Der Galopprennverein organisierte mehrere berittene Demonstrationen. Mitte der 1990er fanden hier jährlich noch rund 30 Renntage statt, der Pferderennsport war aber schon wirtschaftlich angeschlagen und hohe Investitionen waren notwendig.
Laut Wirtschaftsministerium entstanden der Republik jährliche Ausgaben von inflationsbereinigt 220.000 €. Dem standen Einnahmen von rund 10.000 € gegenüber. Die Kosten für Sanierungen wurden damals mit rund 7 Millionen € (inflationsbereinigt) beziffert. Obwohl es auch ein Konzept des städtischen Kulturkonzerns Vereinigten Bühnen Wiens gab, kam damals das Privatunternehmen IRM zum Zug. Laut Presseberichten versprach die IRM damals inflationsbereinigt 72 Millionen Euro in die Renovierung zu investieren. Eines der vielen Versprechen, die unerfüllt blieben.
Kein ordnungsgemäßer Zustand
Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Laut Bescheid des Bundesdenkmalamtes besteht „ein öffentliches Interesse an der Erhaltung” der Baulichkeiten der Galopprennanlage Freudenau. Im Baurechtsvertrag, der im Grundbuch öffentlich einsehbar ist, verpflichtete sich die IRM innerhalb von zehn Jahren die „bestehenden Bauwerke in einen ordnungsgemäßen Zustand zu setzen und in der Folge [...] in einem ordnungsgemäßen Zustand zu erhalten.”
In einer parlamentarischen Anfrage stellte der damalige Wirtschaftsminister, Reinhold Mitterlehner (ÖVP), 2011 fest: „Die Prüfung hat ergeben, dass die Bauwerke nicht in einen ordnungsgemäßen Zustand versetzt wurden.” Habel entgegnet: „Der Denkmalschutz ist berechtigt und wird auch berücksichtigt.”
Freudenau für alle da?
Ein anderes Versprechen gab Karl Friedrich Habel 1998 gegenüber der APA ab: „Die Freudenau wird 365 Tage im Jahr für alle da sein". Unter dem Titel „Freudenau - Die Gärten von Wien" wollte Habel die Anlage als Naherholungsgebiet öffnen.
Im Baurechtsvertrag ist die IRM zum „Betrieb Galopp-Rennbahnanlage” verpflichtet. Was genau damit gemeint ist, wird allerdings nicht definiert. Fakt ist, der letzte Renntag fand 2018 in der Freudenau statt.

Obwohl der Baurechtsnehmer, die IRM, nachweislich essenzielle Vertragsbedingungen nicht erfüllt, sieht die Bundesimmobiliengesellschaft auf Anfrage keine Möglichkeit den Vertrag aufzulösen. Beim Baurecht handelt es sich quasi um archaisches Recht, bei dem ein de facto unbeschränktes Recht an einer Immobilie für 100 Jahre vergeben wird. Zum Schutz der Investitionen eines Baurechtsnehmers ist laut Höchstgerichtsurteilen eine Kündigung de facto nur möglich, wenn der Zins ausbleibt.
Drohnenballett und Technofestival
Statt Pferderennen finden in der Freudenau heute überwiegend Veranstaltungen statt: von Konzerten, Technofestivals bis Drohnenballett sowie Hochzeiten und privaten Feiern. Weiterhin sind zahlreiche Ställe an Pferdebesitzer vermietet.
Das große Geld lässt sich darüber wohl nicht verdienen. Der Blick ins Firmenbuch zeigt, dass die IRM Verbindlichkeiten in Höhe von 9,9 Millionen Euro angehäuft hat. Der Jahresabschluss weist 2024 einen Verlust von rund 94.000 € aus. Welche Geldgeber der Firma dennoch die Stange halten, wollte Habel auf Anfrage nicht verraten: „Wir sind ein privates Unternehmen. Dazu geben wir keinen Kommentar ab.”
Areal soll entwickelt werden
Die Vermutung liegt nahe, dass die Geldgeber auf eine Entwicklung der Immobilie hoffen. Die IRM hat ein verbrieftes Vorkaufsrecht und ist Vertragspartner einer anderen Firma, der Freudenau Liegenschaftsentwicklungs GmbH (FLE), hinter der wiederum die Industrielle Hilde Umdasch steht. „Ihr Ansinnen ist – wie der Name sagt – die Entwicklung des Areals”, sagt deren Geschäftsführer der FLE, Wolfgang Poppe, zu Zwischenbrücken. Man arbeite an einem rentablen Nutzungskonzept und an der Investorensuche.
Eine Umwidmung bzw. nennenswerte Ausweitung der Bebauungsmöglichkeiten ist von Seiten der Stadt jedoch nicht beabsichtigt. „Die Galopprennbahn und die dazugehörigen Gebäude sind [...] Teil des Wiener Immergrün und damit nicht für eine weitere Bebauung vorgesehen”, sagt Andreas Baur von der zuständigen Magistratsabteilung 21.
Ideales Projekt „noch nicht gefunden”
Doch bei der Freudenau Liegenschaftsentwicklungs GmbH gibt man die Hoffnung nicht auf: „Innerhalb der bestehenden Baulichkeiten und Widmung gibt es durchaus Möglichkeiten für eine Entwicklung”, sagt Poppe. “Das Projekt, das alle Wünsche der FLE, von möglichen zusätzlichen Investoren und auch der Stadt zufriedenstellen würde, ist noch nicht gefunden.”
Derweil reiten zwei Frauen die Rennbahn entlang. Ihre Pferde gehen gemütlich im Schritt. Was für normale Augen harmlos wirkt, versetzt die Habels in Rage. Schließlich handelt es sich nicht um irgendeine Wiese. Die Rennbahn ist „heiliger Rasen”. Dort darf niemand hin. Selbst für Untermieter und Pferde gilt „Zutritt verboten”.
