Stammgast seit Jahrzehnten
„Ich wusste gar nicht“, sagt eine junge Frau vor dem Eingang der Trabrennbahn, „dass es diesen Platz hier gibt.“ Diesen Satz hört man hier oft. Wer nicht gezielt nach ihr sucht, übersieht die Anlage leicht – bemerkenswert bei rund 120.000 Quadratmetern Fläche. Die Prater Hauptallee liegt nur wenige Schritte entfernt, täglich joggen und spazieren hier Hunderte vorbei.
Und doch bleibt die Rennbahn den meisten verborgen. Sie entzieht sich den Blicken auf der einen Seite durch hohe Bäume und Sträucher, auf der anderen durch moderne Hochhäuser. Das Areal umfasst drei Tribünen mit Glasfassaden, von denen zwei inzwischen als Büros genutzt werden, und mehrere in die Jahre gekommene Stallungen. Dazwischen liegt die Rennbahn.
Richter auf Rädern
In der Mitte der Rennbahn stehen drei Männer und besprechen das kommende Rennen. Gekleidet mit Krawatte, Hemd und Anzughose steigen sie in den Ladebereich eines alten Lieferwagens. „Ein neues Modell, wie man sieht“, feixt einer der Herren. Im Laderaum sind orange Plastiksitze installiert, ein langes Seitenfenster erlaubt einen direkten Blick auf die Trabrennbahn.

Die drei sind Richter auf der Trabrennbahn, Regelwächter der Bahn. „Ehrenamtlich“ sagt Richter Gerald Oswald und lacht: „Da sieht man, wie viel uns das bedeutet.“ Sie nehmen auf den orangenen Sesseln Platz, vor ihnen liegen Rennplan und Kugelschreiber. „Noch zwei Minuten“, tönt es aus ihren Funkgeräten.
Heikle Situationen
„Festhalten, es geht los!“, warnt uns Edi, der Fahrer des Lieferwagens, als würden wir gleich abheben. Die fünf Traber sind bereits in vollem Lauf und haben sich hinter einem Startwagen positioniert. Der Wagen erreicht mit rund 50 km/h seine Höchstgeschwindigkeit, gerät dabei ins Wackeln. „Ihr hab’s eh eine Versicherung?“, feixt Edi.
Gebannt starren die drei Herren auf die Pferde, während der Wind durch das offene Fenster pfeift. Drei Runden dauert ein Rennen auf der mit Sand bestreuten Bahn. Rund zwei Minuten später ist für die Pferde der Arbeitstag vorbei. Ein Außenseiter gewinnt. „Da siehst, was in den Pferden drinnen is‘.“ Ein paar heikle Situationen habe es gegeben, aber „sonst war es im Großen und Ganzen in Ordnung.“ Danach springen die Richter aus dem Lieferwagen und verschwinden im Richterturm.

„Mal schauen, was das wird“, sagt Herr Cermak, der gerade von der Bande an der Rennbahn in die Kantine zurückgekehrt ist. Seine Anspannung ist abgefallen, der Rhythmus der Krieau erlaubt nun ein Gespräch. Er rückt seinen Stuhl zurecht, wie immer auf seinem Stammplatz in der Kantine. Mit vier Jahren ist er zum ersten Mal in der Krieau gewesen, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals, sagt der 85-jährige, habe man wenig Freizeitmöglichkeiten gehabt. Kino, Fußball, Theater. Und eben die Trabrennbahn. „Das ist für mich irgendwie geblieben.“
Pferdesport „scheinbar wieder im Trend“
Damals war der Pferdesport noch eine Massenveranstaltung, bis zu 15.000 Menschen kamen zu einem Renntag. Heute kommen im Schnitt rund 1.000 Besucher. Herr Cermak hat aber das Gefühl, dass sich wieder mehr junge Leute für den Pferdesport interessieren: „Er ist scheinbar wieder im Trend.“
Während in der Kantine rund um Herrn Cermak ältere Herrschaften dominieren, ist es an der Bahn deutlich diverser. Zumindest altersmäßig. „Wir sind nicht hier, um was zu gewinnen“, erzählt Seimen Mettbach, ein Besucher mittleren Alters mit modischer Frisur und Sonnenbrille. „Wir wollen nur Spaß haben.“ Zusammen mit seiner Freundin ist er in die Krieau gekommen, um sich ein Bild von der Wiener Trabrennbahn zu machen. Die Quoten seien in Deutschland besser, sagt der ehemalige Amateurfahrer. Und der Wiener Akzent bei den Durchsagen mache ihm etwas zu schaffen. „Aber sonst ist eigentlich alles gleich.“

Im ersten Rang der Tribüne, direkt an der riesigen Fensterfront, die Ende der Neunziger-Jahre eingebaut wurde, wird es noch jünger. Zwei 19-jährige Schüler, Florian und Lukas, haben ihre Rennpläne auf einem Tisch ausgebreitet. Daneben steht ein Grund für ihren Besuch: ein großes Bier. Das kostet in der Krieau nur rund fünf Euro, „im Schweizhaus ist es teurer.“ Für den Renntag haben sie sich „einen Schmäh gemacht“ und verfolgen die Rennen in Anzug, Krawatte und Stecktuch – wobei der Schmäh wohl ein Running Gag ist.
„Fixe Pensionistenrunden“
Denn im nächsten Moment zieht einer der beiden drei alte Eintrittskarten aus seinem Sakko: zwei für die Krieau, eines für das Casino. Ist das Trabrennen tatsächlich im Trend und Herrn Cermaks Optimismus berechtigt? Heute sind mehr junge Leute da, nicken die Schüler. Vermutlich aber nur, weil heute ‚Studierendenrenntag‘ ist. Sonst gibt es eher „fixe Pensionistenrunden.“
Ein Trend ist dagegen sicher. Die Krieau steht unter Druck.
„Wir haben 12 Hektar denkmalgeschützte Fläche zu erhalten“, sagt Peter Truzla, „und das ist die größte Challenge.“ Truzla ist Präsident des Wiener Trabrennvereins, der sich um die Rennbahn seit dem Beginn des Pferdesports in der Krieau 1878 kümmert. Wir treffen ihn im denkmalgeschützten, aber baufälligen Richterturm, eine metallene Wendeltreppe führt nach oben. In den vergangenen Jahren musste der Präsident beobachten, wie die Rennbahn mehrmals den Eigentümer wechselte.
Stadt Wien verkaufte das Gelände
Ursprünglich gehörte das Gelände der Stadt Wien, erzählt er. 2007 begann dann der schrittweise Verkauf, zunächst nur angrenzende Liegenschaften. 2018 folgte dann auch die Rennbahn. „Ohne unser Wissen und gegen unseren Willen“, sagt der sonst diplomatische Präsident. „Viertel Zwei“ nennt sich das Ergebnis, ein Quartier aus Büro- und Wohngebäuden, das heute weit über die Rennbahn ragt. Eine 130-Quadratmeter-Wohnung kostet dort knapp zwei Millionen Euro – diese Wette haben die Immobilienentwickler gewonnen.

Im Zuge des Verkaufs sei auch die Rennbahn von 1200 auf 1000 Meter verkürzt worden, erzählt Hubert Brandstätter, ein stämmiger Mann in einem schwarz-gelben Rennanzug. Wir treffen ihn in den denkmalgeschützten Stallungen gegenüber der Tribünen, in seinem Rennstall. Früher sollen hier bis zu 800 Pferde permanent untergebracht worden sein, heute etwa 30. „Weil rundherum so viele Häuser gebaut worden sind, ist man hier sehr eingeengt.“
Bebauung verhindert
2025 wird öffentlich, dass ein Großteil des Areals erneut den Eigentümer gewechselt hat und nun einer Strabag-Tochter sowie dem Bauträger WBV-GPA gehört. „Wird sie jetzt bald bebaut?“ titelte ‚Der Standard‘. Wie ist also das Verhältnis des Wiener Trabrennvereins zu den Eigentümern?
„Sehr gut“, versichert Truzla. Und man nimmt es ihm ab. Zwei Faktoren sichern den Fortbestand der Rennbahn, als Lebensversicherung sozusagen: ein Pachtvertrag über 25 Jahre, der einseitig vom Wiener Trabrennverein verlängert werden kann, und die Widmung als Erholungsgebiet Sport- und Spielplätze (ESP), die eine Bebauung verhindert. Der größere Druck sei im Moment aber finanzieller Natur.
Hohe Ausgaben, keine Förderungen
„Wir haben rund 150.000 Euro Fixkosten pro Jahr für das Gelände“, sagt Truzla. Früher ließ sich das mit großen Veranstaltungen wie Konzerten finanzieren. Nicht nur Engelbert Dollfuß hielt 1931 hier seine „Trabbrennplatzrede“, später spielten auch Stars wie Robbie Williams oder Metallica vor zehntausenden Besuchern. Heute sei das wegen fehlender Fluchtwege nicht mehr möglich, sagt Truzla. Der Betrieb finanziert sich über Toto-Wetten, eine Kooperation mit einem französischen Anbieter (PMU) und kleineren Veranstaltungen.
Von der Stadt Wien erhalte man aber keine Förderungen: „Das ist schon sehr schlimm.“ Die Krieau sei ein „Wiener Kulturgut“ und die zweitälteste noch betriebene Trabrennbahn der Welt, so Truzla. Dabei zeigt er auf seine Anstecknadel auf seinem Sakko: „Einzigartig seit 1874.“ In diesem Jahr wurde der Trabrennverein gegründet. Vier Jahre danach konnte die Rennbahn eröffnet werden. Wenn sich die Krieau nicht mehr finanzieren lasse, sei man für einen anderen Standort offen, sagt Vereinspräsident Tuzla. Obwohl: „Das Herz möchte hier nie weggehen.“

„Ich bleib‘ bis zum Ende da“, hat uns Herr Cermak noch vor ein paar Stunden erzählt. Um halb sechs stehen zwei Rennen an, die Zuschauerränge und auch die Kantine haben sich da schon deutlich geleert. Und tatsächlich treffen wir den Pensionisten mit seinem auffälligen roten Pullover bei den Wettschaltern, an denen mittlerweile gleich viele Mitarbeiter wie Besucher stehen. Einmal wagt er noch sein Glück. Und einmal stören wir noch seinen Rhythmus.
Ob er denn schon Glück hatte? „Nein, leider.“ Seinen größten Wunsch hat er aber ohnehin schon abgesagt, ein eigenes Pferd. „Bist du wahnsinnig?“, habe ihn damals seine Frau gefragt. Jetzt muss er sich aber wieder dem Rennen widmen. Dann ist er wieder verschwunden, im Rhythmus der Rennbahn.
